Riechen im Alter

Wenn wir an Düfte denken, denken wir an den Duft von Vanille, Jasmin oder Kräuter. Parfümeur Marc vom Ende weiß: Gerüche lassen uns in Ort und Zeit reisen. Und tragen zum Wohlbefinden bei. Deswegen ist Riechen auch im Alter wichtig. 

Herr vom Ende, was lösen Gerüche in uns aus?

Gerüche können uns in Ort und Zeit reisen lassen. Das klingt erst mal abstrakt. Aber Gerüche wirken in dem Bereich des Gehirns, der für Erinnerungen zuständig ist. Wenn wir einen Geruch aus einer früheren Situation kennen, die wir intensiv erlebt haben, dann ist es, als würden wir den Moment emotional noch mal erleben. Wir geraten regelrecht von einem auf den anderen Moment in eine Stimmung. Plätzchenteig erinnert uns vielleicht an die Oma, die zu Weihnachten immer gebacken hat. Ganz typisch ist auch, dass uns der Geruch einer Meeresbrise direkt in Urlaubsstimmung versetzt. Da hat sicher jeder ein Beispiel parat. 

Erleben alle Menschen Düfte gleich? 

Ja und nein. Auf der einen Seite ist genetisch nicht festgelegt, welche Düfte man mag und welche nicht. Das definiert sich von Mensch zu Mensch über das Erleben, über die persönliche Erfahrung in Situationen, in denen Düfte eine Rolle spielen. Und diesen Eindruck speichern wir ab und bilden unsere Assoziationen. Auf der anderen Seite ist es statistisch gesehen so, dass Menschen, die in der gleichen Region leben, eine große Schnittmenge ähnlicher Erfahrungen mit Düften machen, die dort positiv oder negativ sind. 

Kann man Düfte dann nutzen, um Menschen in Alten- und Pflegeheimen zu unterstützen?

Man hat in diesen Einrichtungen mit vielen Gerüchen zu tun, die erstmal auch nicht so angenehm sind. Es ist daher sicherlich eine gute Überlegung mit positiven Gerüchen Wohlfühlatmosphäre zu transportieren. Einfachen Dingen wie der Wäsche kommt plötzlich eine Bedeutung zu: Sie riecht frisch und sauber. Einfach angenehm. Auch Kleinigkeiten wie frische Blumen können etwas bewirken. Oder man versucht ganz individuell zu schauen, was bei der Person oder einer Gruppe von Personen positive Erinnerungen und Emotionen auslöst. Faktisch ist es aber leider so, dass jeder Dritte mit 70 Jahren geruchsblind ist. Verliert jemand seinen Geruchssinn, hat er keinen Appetit mehr. Ohne Geruch ist alles nur noch salzig, sauer, süß oder bitter. Eine Aussage ist dann häufig: „Es schmeckt eh alles gleich“.

Kann man dagegen nicht etwas tun?

Ja, trainieren: Das heißt man kann versuchen zu identifizieren, was man gerade riecht. Das kann man zum Beispiel mit Kräutern oder Gewürzen üben. Einfach mal blind riechen. Sie werden sich wundern, wie schnell man ein Oregano mit einem Bohnenkraut verwechselt. Wöchentliches Training hilft (eine Anleitung finden Sie hier).  Es lässt den Riechkolben größer werden und es verhindert auch, dass man im Alter den Geruchssinn verliert. Neben dem Training ist es vielleicht auch eine sinnvolle und abwechslungsreiche Beschäftigung für Menschen in der Pflegeeinrichtung.

Noch mal einen Schritt zurück zu Ihrer täglichen Arbeit. Wie riecht für Sie denn „sauber“?

Sauber ist ein Begriff, der in unterschiedlichen Produktanwendungen auch unterschiedlich riecht. Sauber im Geschirrspüler ist ein anderes sauber als bei Wäsche. Es gibt unendlich viele Formen von sauber. Eine konkrete Antwort gibt es darauf nicht. 

Wenn Düfte so individuell sind, wie schaffen Sie es, dass neu entwickelte Düfte auch vom Verbraucher angenommen werden?

Es gibt in der Arbeit des Parfümeurs wie in der Musik eine Art Akkord. Ein Dufttyp, der bekannt ist und akzeptiert wird. Wenn ich an diesem Nuancen und Facetten verändere, um etwas Neues reinzubringen, dann wird das Produkt am Ende auch angenommen.

Wie viele Rohstoffe stehen Ihnen für die Entwicklung und Komposition eines neuen Dufts zur Verfügung?

Wir haben bei Symrise eine Palette von 1.500 Rohstoffen, damit kann ich schon sehr viel abdecken. Es gibt aber noch eine Vielzahl mehr an Rohstoffen. Wir haben weit über 10.000 verschiedene Duftstoffmöglichkeiten, die für Parfüm verwendet werden könnten. Aber ich brauche nicht alle. Genau wie ein Maler. Der braucht auch nicht jede Farbe, die es auf der Welt gibt. Er mischt sich aus seiner Farbpalette die Farbe zusammen. Wichtig ist, dass man erkennt, welche Rohstoffe man braucht, um einen Duft zu erzeugen. 

Und wie viel Zeit nimmt es in Anspruch, einen neuen Duft zu kreieren?

Tatsächlich arbeite ich manchmal mehrere Wochen an einem Duft. Um beim Vergleich mit dem Malen zu bleiben: Es ist wie gesagt wichtig die Wirkweise der Rohstoffe zu kennen. Trotzdem kann man nie genau vorhersagen, wie die einzelnen Düfte zusammenspielen. Man muss es ausprobieren, Duftproben nehmen und kleinste Anteile eines Rohstoffes in der Formel immer wieder so anpassen, dass eine Ausgewogenheit entsteht. Man verfeinert diese Formel, bis zum gewünschten Ergebnis. Es ist ein bisschen wie beim Kochen: Eine Komponente kann die ganze Komposition aus dem Gleichgewicht bringen.

Was denken Sie eigentlich über Raumbeduftung? 

Im Grunde sind wir ohnehin immer von Düften umgeben. Gegenstände wie Kleidung und Handtücher strömen auch einen angenehmen Duft aus. Das reicht mir persönlich zum Beispiel vollkommen. Dennoch: Man kann mit Düften experimentieren. Wichtig ist die Wirkung, die erzielt werden soll. In einem Eingangsbereich brauche ich zum Beispiel etwas Frisches, Einladendes, als Willkommensgruß. Soll der Raumbedufter in einem Pausenraum stehen, sollte der Geruch gemütliche Behaglichkeit verbreiten. Da geht es um Wohlfühlatmosphäre, Wärme, Wohligkeit. Dafür steht zum Beispiel Vanille. Ich empfehle aber, seine Mitarbeiter und Kollegen immer miteinzubeziehen und gemeinsam zu schauen, was als angenehm empfunden wird. Riechen ist so individuell. Das kann und sollte niemand allein entscheiden.