Lebensqualität im Alter

Wer bei Senioren nur an Einschränkungen denkt, liegt falsch. Es gibt einen Schlüssel zum Wohlfühlen im Alter. Im Sauerland zeigt ein Wohnmodell, wie das geht.

Matthias Frevel kennt die Geschichte jedes Bewohners seiner Häuser. Das ist keine Phrase. Es ist Teil seines Konzepts: „Es gibt ein Erlebnis, das zeigt, wie wir hier arbeiten“, beginnt der gebürtige Schmallenberger zu erzählen: „Einer unserer Bewohner war früher Landwirt und litt an einer stark fortgeschrittenen Demenz. Zu einer bestimmten Tageszeit wurde der Mann regelmäßig unruhig, aggressiv. Das hat uns vor große Herausforderungen gestellt. Aber schon nach kurzer Zeit ahnten wir, was das Verhalten auslöste: Der Mann hatte sein Leben lang auf dem Hof gearbeitet, die täglichen Arbeitsabläufe waren tief in ihm verankert. Seine innere Uhr hat ihm gesagt: Es ist Zeit, sich um die Tiere zu kümmern. Also haben wir ihm ermöglicht, jeden Tag zu unserem Pferdestall zu gehen. Etwas, das ihm vertraut vorkam. Und von dem Tag an waren die Unruhe und die Aggression verschwunden.“ Wenn Matthias Frevel diese Anekdote erzählt, ist er so aufgeregt, als hätte sich die Geschichte erst gestern ereignet. Zuvor galt der Bewohner als besonderer Problemfall. Der Umgang mit ihm in Frevels Einrichtung veränderte alles. 

Den Senioren auf Augenhöhe begegnen

Wie wichtig Frevel diese persönlichen Geschichten sind, zeigen Bilder und Fototapeten in seinen Häusern. Eine zeigt ihn mit dem besagten Landwirt auf einer Kutsche. Sich Zugang zu den ihm anvertrauten Menschen zu schaffen, ist Frevels Passion. Der Geschäftsführer leitet die Einrichtung „Pflegezentrum Haus Monika“ in dritter Generation. 2006 eröffnete er „Seniorenwohnen im Park“. Sein entwickeltes Modell für das Wohnen im Alter ist inzwischen mehrfach preisgekrönt. Das Geheimnis? „Wir begegnen unseren Bewohnern auf der Ebene, auf der sie sich sicher und wohl fühlen. Für mich ist es der falsche Ansatz zu sagen: Wir trauen diesem Menschen nichts mehr zu. Unsere Haltung ist: Schaut, was dieser Mensch noch alles kann. Das wollen wir fördern und erhalten.“

Mit Absicht aus der Zeit gefallen

In den Hausgemeinschaften im Haus Monika herrscht genau dieser Geist. Es ist Mittagszeit. Der erste Eindruck: harmonisch, gesellig. Sowohl der Umgang der Menschen, die gemeinsam an dem großen, gedeckten Tisch sitzen, sowie der Wohnbereich selbst. In der Ecke steht ein Ofen neben einer urigen Couch. Auch die Küche und das Mobiliar wirken auf den ersten Blick etwas aus der Zeit gefallen. Eine Bewohnerin steht mit Chefkoch Alexander Braun und einer Betreuerin am Herd. Es gibt Blaubeerpfannkuchen. Mit einer geübten Bewegung wendet die Seniorin das Essen in der Pfanne. Sie lächelt zufrieden. Der Raum ist erfüllt von dem Duft nach frisch gebackenem Pfannekuchen. Alles, berichtet Frevel, ist Konzept: „Das ganze Setting hier strahlt etwas Vertrautes auf die Menschen aus. Die Wärme des Ofens, ein Gericht, das jeder kennt. Ein bisschen ist es wie leben wie in früheren Zeiten in einer Familie. Die Senioren leben emotional in der Vergangenheit. Dort aber finden sie sich zurecht.“ Deshalb schafft Frevel einen Rahmen, in dem die Bewohner selbst bestimmen, etwa Vorschläge für Mittagsgerichte machen – sogenannte Wunschessen. Es sind meist alte Rezepte wie Falscher Hase oder Plundermilch mit Zimt. Und wenn die Wohngruppe will, kann sie sogar selbst zum Kochtopf greifen. Die Wissenschaft unterstreicht Frevels Ansatz: Psychologen haben sich damit befasst, warum die meisten Senioren sich in der Gegenwart oft nur schwer zurechtfinden, sich aber mühelos und glasklar an frühere Erlebnisse erinnern. Die Forscher führen dieses Phänomen auf eine Funktion des Gehirns zurück: Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Das Langzeitgedächtnis wird dafür aktiver. Erinnern hat etwas mit der eigenen Identität zu tun. Und diese leidet unter den zahlreichen Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt. Die Vermutung: Die Psyche streut deshalb die positiven Erfahrungen aus der Kindheit und der Phase als junge Erwachsene ein und kompensiert damit die Einschränkungen des Alters. Es geht also um psychische Stabilität. 

Kein Grund wegzulaufen 

Neben dem Haus Monika betreibt Matthias Frevel auch die Einrichtung „Seniorenwohnen im Park“. Hier leben Menschen mit Demenzerkrankung. Für Frevel ist die Einrichtung eine Herzensangelegenheit. Die Menschen sind Reisende auf unterschiedlichen Ebenen ihres Bewusstseins. Das Beispiel des Landwirts, der seine Kühe vermisst, ist eindrücklich.

Das Zusammenleben der Menschen in Frevels Einrichtung ist es auch. Die Bewohner können sich frei bewegen. Auch hier gibt es Wohngruppen. An diesem Nachmittag haben sich alle versammelt: Der Inhaber der örtlichen Kaffeerösterei röstet Kaffee auf einem historischen Ofen – also ganz wie früher. Fast bemerkt man nicht, dass einem hier Menschen mit Demenzerkrankung gegenübersitzen. Eine Bewohnerin antwortet derzeit nur auf Rumänisch. Eine andere ältere Dame erzählt von ihrer aktuellen Vernissage. Aber sie sind zugewandt. „Der Punkt ist“, sagt Frevel, „alle unsere Bewohner sind wach. Hier dämmert niemand vor sich hin. Das ist unser Ziel.“ Um das zu erreichen, ist Kreativität gefragt. Das Kaffeerösten ist so ein Beispiel: die Wärme des Ofens, der Duft des Kaffees, einige greifen sogar zur alten Kaffeemühle und mahlen ein paar Bohnen. „Es sind Tätigkeiten, die unsere Bewohner aktivieren und die sie genauso beherrschen wie Wäsche zusammenlegen und sogar Kartoffeln schälen. Und ja: Es schneidet sich keiner, weil den Menschen diese Tätigkeit vertraut ist. Und gleichzeitig – und das ist wichtig – überfordern wir hier niemanden.“ 

Matthias Frevel und sein Team haben mit ihrem Modell Bemerkenswertes geschaffen Es geht um Vertrauen und Zutrauen im Alter. Und es geht ihm um eine Geschichte aus der Perspektive der Erkrankten: „Wir haben hier echte Holzfußböden. Damit die Bewohner im wahrsten Sinne des Wortes keine kalten Füße kriegen. Denn was denkt der Demenzkranke, der sich nur auf seine Sinne verlässt, wenn er auf einem Holzimitat steht? 'Kalt. Hier stimmt was nicht. Ich laufe weg!' Wir geben unseren Bewohnern stattdessen ein Gefühl von Sicherheit, geben ihnen einen Grund dazubleiben.“ Ein schöneres, ehrenwerteres Motiv für die letzte Station im Alter kann es kaum geben. 

 

Interview mit Matthias Frevel

Was ist das Herz des von Ihnen entwickelten Modells?

Es handelt sich um ein Hausgemeinschaftskonzept. In den Wohneinheiten leben acht bis zehn Menschen. Jeder hat sein eigenes Zimmer. Und jede Wohngruppe hat eine eigene Gemeinschaftsküche. Wir haben aktuell zehn Gemeinschaften. Also auch zehn Küchen plus eine Großküche.

Was bedeutet das konkret? 

Bei uns müssen die Bewohner nicht alleine auf dem Zimmer essen, sondern sitzen gemütlich zu Tisch mit den anderen Bewohnern. Wie früher in der Familie. Jede Wohngruppe hat die Möglichkeit, mittags eine oder mehrere Komponenten der Mahlzeit selbst zuzubereiten. Krankenhauskost gibt es hier nicht. Dabei ist unser Konzept sogar ökologisch und nachhaltig, da wir regionale Zutaten verwenden. Obst und Gemüse beziehen wir sogar aus dem eigenen Garten. Gemeinsame Aktivitäten wie Marmelade einkochen – ganz wie früher – runden es ab. 

Was war Ihnen noch wichtig?

Als ich das Modell entwickelt habe, war mir sofort klar: Ich möchte etwas aufbauen, das nicht wie ein Krankenhaus aussieht. Die Menschen sollen sich zu Hause fühlen. Auch Besucher sollen sich wohlfühlen und frei bewegen. 

Haben Sie sich deshalb diesen kleinen Bauernhof zugelegt?

Man kann darüber schmunzeln. Aber ich bin überzeugt: Die Enkel und Urenkel kommen gerne zu uns. Sie fragen aktiv: „Können wir Oma oder Opa besuchen?“ Und wissen Sie, was dann passiert? Unsere Bewohner setzen sich auf ihren Balkon, schauen den Kindern beim Streicheln der Tiere zu und winken. Sie sind in diesem Moment in der Rolle, die ihnen gebührt: die als liebende Großeltern. Sie verstehen sicher, worauf ich abziele: Es geht um Emotionen!

Warum sind Emotionen so wichtig?

Weil wir Menschen so gestrickt sind. Erinnerungen, die Sinne und Emotionen sind wichtig – gerade im Alter. Deswegen dürfen unsere Bewohner beim Umzug zu uns auch ihre Haustiere mitbringen. Weil was passiert, wenn wir diese stabile emotionale Verbindung kappen? Die Menschen sind mental tief betroffen. Demenzkranke fangen sogar an, die Tiere zu suchen und werden zu Wegläufern. 

Was uns zu „Seniorenwohnen im Park“ führt. Stimmt es, dass ihre demenzerkrankten Bewohner maximal fünf Medikamente bekommen? Warum ist das so wichtig?

Weil wir wollen, dass unsere Bewohner aufnahmefähig sind. Natürlich ist gute medizinische Begleitung ausschlaggebend. In Zusammenarbeit mit einem angesehenen Facharzt bemühen wir uns, die Begleiterscheinungen der Erkrankung ohne 20 verschiedene Medikamente in den Griff zu bekommen. Deshalb habe ich mein Personal geschult. Wir nennen das hermeneutisches Fallforum. D. h. alle Mitarbeiter einer Schicht kommen zusammen und beschreiben, wie sie den Bewohner erlebt haben, um herauszufinden, was seine Bedürfnisse sind und was sein Verhalten auslöst. Die Lösungen sind hochindividuell, aber sie funktionieren. Es sind Menschen darunter, die würden andernorts ruhiggestellt werden. 

Ihre Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Ihre vier Wände ...

Überregional arbeitet unser professionelles Pflegeteam z. B. beim deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege bei der Entwicklung von Expertenstandards mit. Wir sind in der Region sehr gut vernetzt. Meine Frau ist Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft HSK und aktives Mitglied im Demenznetzwerk Hochsauerlandkreis, wo wir durch öffentliche Veranstaltungen und Vorträge durch Fachleute aufklären und informieren. Besonders wichtig sind uns z. B. Kooperationen mit Schulen. Seit ca. 20 Jahren besuchen uns die Grundschüler des Ortes regelmäßig zum Vorlesen. Wir bereiten sie vorher auf diese Besuche vor, denn junge Menschen sollen lernen, was Alter und Demenz bedeutet. Sie lesen unseren Bewohnern klassische Gedichte, Märchen und Balladen vor. Die Senioren können häufig jedes Wort mitsprechen. Genau das regt das „Ich-Bewusstsein“ an. Und genau darum geht es.

 

Matthias Frevel ist Geschäftsführer der zwei Pflegeeinrichtungen. Seine Ehefrau Petra kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit.